Die ZEIT iOS App: Aufgeräumt, flink, unbrauchbar.

Ich hege große Sympathien für die ZEIT und für ZEIT Online. Die ZEIT ist eine erwachsene Zeitung; sie biedert sich weit seltener bei leicht zu beeindruckenden Zielgruppen an als die Konkurrenz; sie hat einen aufgeräumten Webauftritt mit guter Funktionalität und Usability.

Und das Wichtigste: Anders als bei den anderen deutschen Nachrichtenportalen lässt man dort ausgesprochen selten Praktikanten und Redakteure aus der zweiten Reihe verquaste, schlecht recherchierte Filler publizieren.

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die ZEIT das Internet ernst nimmt; zumindest mehr als ein Großteil der Konkurrenz. Und sie hat – wie es sich im frühen 21. Jahrhundert gehört – eine iOS App. Was läge also für den praktizierenden, ZEIT-lesenden iPad-Fan näher, als diese App (beziehungsweise die damit erschließbaren Inhalte) zu kaufen?

Vieles.

Ich habe „ZEIT Online plus“ auf dem iPad der besten Freundin gesehen und nach wenigen Minuten frustriert beiseite gelegt. Denn diese App zeigt leider, wie man formal alles richtig machen kann – und trotzdem sein Thema um Lichtjahre verfehlt.

Ja; ich kann vollständige Ausgaben der ZEIT kaufen und in einer unaufgeregten Darstellung oder dem Originallayout lesen. Das ist schön.

Und das war’s dann leider auch schon.

Eine Suchfunktion; über die aktuelle Ausgabe hinweg oder innerhalb eines Artikels, nach Themen oder zumindest Stichwörtern? Fehlanzeige.

Eine Möglichkeit, einzelne Sätze oder zumindest Wörter zu markieren, damit man sie zum Beispiel in Safari suchen kann? Verboten. Vom Verschicken ganzer Artikel per E-Mail an Freunde wollen wir gar nicht erst träumen.

Hyperlinks, die den Text anreichern; beispielsweise zu anderen herunterladbaren ZEIT-Ausgaben oder zu Online-Ressourcen? Nichts da. Text ist hier digitales Blei und nicht mehr.

Unterstützung für Twitter, Facebook oder Google plus, um in Diskussionen zu Artikelthemen einzusteigen? Zumindest in Form von Kategorien-/Tag-Links, wenn die eigentlichen Artikel schon nicht diskutierbar sind? Träum weiter, Leser.

All diese Funktionen hätten eines gemeinsam: Sie würden Kontrollverlust für den Anbieter bedeuten. Und wie in schlimmsten AOL-Zeiten verhindert hier eine offensichtlich anal fixierte Instanz im Verlag eben diesen produktiven Kontrollverlust. Alles muss drin bleiben im Silo der App; nichts darf herein oder heraus.

Wollte man jemand erklären, warum Apps zu einer Balkanisierung des Internet führen könnten, müsste man ihm nur diese App zeigen.

Wie traurig das ist angesichts der zweifellos lesenswerten ZEIT-Texte.

Mit anderen Worten: Diese App ist im selben Umfang medienadäquat wie eine Mumie auf einer Tanzbühne. Auf den ersten Blick durchaus schön anzusehen, doch dann merkt man schnell, dass sich da nichts regt. Keine Anbindung an das real existierende Internet, an weiterführende Informationen, keine Möglichkeiten, an Diskussionen teilzunehmen oder Dritte auch nur auf relevante Artikel aufmerksam zu machen.

Kurz: eine Totgeburt.

Schade.

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