Coming soon to a society near you: Das Ende der moralischen Neutralität

Premier Cameron will die britische Gesellschaft „reparieren“ – siehe hierzu aktuelle Meldungen im SPIEGEL und bei der BBC.

Ein Zyniker könnte nun zunächst einmal fragen, was hier eigentlich einer Reparatur bedarf: das Großunternehmen Gesellschaft (also die Gesamtheit aller Akteure; vom plündernden Kleindealer bis zum Arbeitsplätze vernichtenden Konzernführer) – oder vielleicht doch erst einmal besonders marode Teilbetriebe, die in letzter Zeit unangenehm aufgefallen sind; im Zweifelsfall dadurch, dass sie zur falschen Zeit mit den falschen Akteuren unter einer Decke erwischt wurden.

Man denke da an die Kuschelei der Londoner Polizeispitze mit News International beim Abhörskandal, an die Nonchalance, mit der sich Abgeordnete vom Volk ihre Hobbys und Landsitze finanzieren lassen und die (mit anderen Euro-Staaten geteilte) Unfähigkeit, den beiden unteren Dritteln des Volkes zu erklären, warum sie ökonomisch bis auf weiteres den Anschluss an den money train der globalisierten Welt verloren haben.

Wollte Cameron nun tatsächlich mehr tun, als seinem Volk einen eisernen Besen zu verordnen (während seine buddies allenfalls mit dem Wattebäuschchen gezüchtigt werden), könnte er sich an Phillip Blond wenden. Der ist wahrscheinlich einer der klügsten Köpfe des wertkonservativen Englands. Er hat für Cameron in Büchern, Think Tanks und Vorträgen das Modell einer „Big Society“ (mit-)entworfen, die sich wieder als Ganzes verstehen soll. Das Spektrum, das diese große Gesellschaft umfassen soll, ist beachtlich: Wertegemeinschaft, Kommunitarismus, Dezentralisierung, Förderung von Social Business, Datentransparenz. Bonus: [A society that will] „take power away from politicians and give it to people“.

Ja, liebe Leser, reiben Sie sich ruhig weiter die Augen:
All das stand im Jahr 2010 im Wahlmanifest der Konservativen.

Blond ist vermutlich klüger als alle rechtskonservativen Sprechpuppen in deutschen Parlamenten zusammen – wer Zugriff auf das TED-Archiv hat, möge sich seinen charismatisch vorgetragenen Beitrag von der diesjährigen TEDGlobal in Edinburgh anhören, der hoffentlich bald auch frei verfügbar sein wird.

Wird der Premier nun auf diese Karte setzen, die ja implizit Teil seines Wahlversprechens war – oder doch lieber einen überwachungsstaatlich-repressiven Knüppel aus dem Sack holen? Seine Reflexe unmittelbar nach den Unruhen lassen eher Letzteres vermuten.

Als – für nahezu jede Politik verwendbarer – Joker sticht aus dem oben verlinkten BBC-Artikel jedenfalls Camerons Satz hervor, dass es mit der „moralischen Neutralität“ des Staates vorbei sein müsse.

Hui.

Da soll offensichtlich ein Land mit der ganz großen Harke umgegraben werden: „This is right, this is wrong.“ Dem typischen, mit Schaum vor dem Mund gegen die „Multikulti-Volksverräter“ wetternden Sun-/WELT-Leserbriefschreiber dürfte es da für einen Augenblick ganz anders werden. Moral als verbindliches, gesellschaftspolitisches Kriterium?

Wir werden möglicherweise also bald hören (und auch erleben), dass eine bislang eher dem Laissez-faire verpflichtete, neoliberal geprägte Regierung moralische Pflöcke in den Boden schlägt, den sie vorher mit entsprechenden Gesetzen umgegraben hat (dies natürlich erst, nachdem man die im Schnellverfahren abgeurteilten troublemaker herausgeholt hat).

In das resultierende, fette Erdreich einer auf gemeinsame Wertvorstellungen verpflichteten Gesellschaft ließen sich (je nachdem, wie es in den nächsten Monaten weiter geht mit Protesten, Plünderungen und Terroranschlägen) aber eben nicht nur kommunitaristisch-wertkonservative Gemeinschaften nach Phillip Bonds Gusteau pflanzen. Dies wäre – wenn die Risse zwischen den Akteuren sich anders nicht mehr kitten lassen – auch der rechte Boden für jenen faschistoiden, von staatsnahen Medien mitgetragenem Überwachungsstaat, den Alan Moore in „V for Vendetta“ beschreibt.

Es wird sich lohnen, Camerons Politik in den nächsten Monaten zu beobachten. Dies auch, da man sich nur schwer vorzustellen vermag, dass zukünftige Krawalle sich auf einige soziale Brennpunkte in England beschränken werden. Die Zentrifugalkräfte in Europa reißen an der Londoner City ebenso wie an portugiesischen Sozialämtern. Und irgendwann bricht auch in Deutschland der Protest aus dem überschaubaren 1.-Mai-Zirkus aus. Als Pfeife am Dampfkessel einer disparaten Gesellschaft wird sich dann manch in die Jahre gekommene Ideologie anpreisen.

Man wird sehen, wie unsere (bislang noch nicht durch große weltanschauliche Würfe aufgefallene) Regierung in so einem Fall reagiert.

Schon jetzt entstehen im Kopfkino (schließt man für einen Moment die Augen und stellt sich den Montag nach einem Berliner Krawall-Wochenende vor) graue, gleichwohl plastische Bilder, in denen vor allem die Internetabschalter Uhl und Friedrichs ihren „leider alternativlosen“ Maßnahmenkatalog verkaufen dürfen, während eine ebenso fassungs- wie fantasielose Kanzlerin vor allem die Mundwinkel hängen lässt.

Kurz: Ich habe diesbezüglich, was unser eigenes Land angeht, wenig Hoffnungen, die über „… mit aller Härte …“-Floskeln hinausgehen.

Und hoffe – wie so oft in letzter Zeit –, dass mich die Zukunft eines Besseren belehrt.

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