Schatz, ich habe die Zukunft geschrumpft.

Neil deGrasse Tyson – wahrscheinlich einer der klügsten Köpfe auf dem Planeten und trotzdem eine unübersehbar coole Sau – hat vor kurzem in der Sendung des nicht ganz so coolen, gleichwohl von mir bewunderten Bill Maher gesagt, dass wir nicht mehr träumen. „Wir“ bezieht sich dabei oberflächlich auf eine US-amerikanische Gesellschaft, welche in einem Monat in Afghanistan jenes Geld verbombt, das man nicht in ein bis zum Geburtsschrei des Universums zurückschauendes Teleskop investieren will, aber gemeint ist wahrscheinlich letzten Endes der ganze Planet.

Verdient.

Als ich ein kleiner Hosenscheißer war, haben mich die zwischen Buchdeckeln und im Kino angepriesenen Großutopien der späten Siebziger (diese wiederum nur Nachbrenner einer Utopie-Orgie der Vierziger und Fünfziger)  am Leben erhalten. Ich wuchs auf in einem bornierten, katholischen Dorf – aber wer die HÖRZU aufschlug (auch damals nicht gerade die Speerspitze der Technologiepresse), konnte dort bunt bebilderte Berichte darüber studieren, was Viking 1 auf dem Mars finden könnte. Vielleicht, vielleicht doch ein bisschen Leben – es hätten ja nicht gleich die edlen Wilden Bradbury’scher Prägung sein müssen.

Es gab viel zu sehen und zu träumen. Close Encounters. Der erste Flug der Columbia. Moonraker (grundsätzlich dasselbe, aber mit sehr langen Beinen und sehr bösen Bösewichten).

Klar, Star Wars half, das wiederbelebte Star Trek-Universum sowieso (ja, ich gestehe: ich war damals treulos bi-futurell). So oder so: Es gab einen impliziten Konsens, dass in der Zukunft etwas Großes wartete. Raumbasen. Orbitalstationen. Generationenschiffe. Wurmlöcher à la Contact.

Aber je schneller die Miniaturisierung voranschritt, je kleiner die großartigen Spielsachen wurden, vor denen wir heute sitzen, um so mehr schrumpften auch die Visionen, bis sie sich irgendwann auf Akkulaufzeiten und dpi-Rekorde beschränkten. Natürlich half es nicht, dass das Schwanzlängenvergleichsrennen gegen das gemeinte Imperium des Bösen abgebrochen werden musste.

Träumen kann man selbstverständlich auch heute; die werbetreibende Industrie fordert uns hierzu gerne täglich auf. Aber selten springen die Träume höher als bis zum nächsten Seychellen-Rabatt.

Ich höre jetzt jedenfalls Vangelis’ megapompöses ‚Mythodea‘ (den Soundtrack zur Mars-Odyssey-Mission; einem der letzten wahrhaft zähen Techno-Großprojekte) und weiß, dass ich nicht mehr leben werde, wenn tatsächlich eines fernen Tages ein Menschen den Mars betritt.

Aber das ist es nicht, was mich traurig macht.

Ich bin traurig darüber, dass es im Jahr 2011 jedermanns selbstverständlicher Reflex ist, über Träume zu lachen, die die Erdumlaufbahn verlassen.

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