Bekenntnisse eines Spießers

Ich kam vor beinahe zwölf Jahren nach Berlin – aus Verhältnissen, die ich als xenophob und kreuzlangweilig empfand. Berlin aber versprach Freiheitsgrade. Wie viele Facetten das Leben hier zu haben schien, wie viele Alternativen zu den Einbahnstraßen der Vergangenheit! Ich war dankbar und neugierig – und tanzte auf mancher Party.

Irgendwann begreift man, dass es auch in der Hauptstadt hübsch dekorierte Tempel der Borniertheit gibt, die sich dann eben kulturell/vertikal organisiert. Dass manch einer großstädtisch tut, sich vor allem aber einen Hintergrundwirbel aus bekannten Gesichtern und Trend-Lametta wünscht, vor dem die eigene Irrelevanz nicht so auffällt.

Und man begreift, dass Wichtigeres gibt als den eigenen Bauchnabel. Dass auch andere Menschen Ansprüche haben, die – im Sinne der Goldenen Regel – meist überraschend niedrig sind: Man würde gerne seine Ruhe haben; zumindest nach Mitternacht. Würde gerne mit einer gewissen Selbstverständlichkeit öffentliches Eigentum (Parks, ÖPN) nutzen, anstatt von einer offensichtlich überforderten Verwaltung informiert zu werden, warum gerade wieder etwas nicht oder nur eingeschränkt funktioniert. Hätte gerne, dass die Zerstörung fremden Eigentums weder als kreativer Akt honoriert noch als Schritt auf dem Weg in eine gerechtere Gesellschaft missverstanden wird.

Man könnte ganz gut darauf verzichten, auf Schritt und Tritt in anderer Menschen (und Tiere) Dreck zu landen oder von Bürgersteig-Rambos umgeradelt zu werden. Und ein Lächeln, „Bitte“ , „Danke“ oder „Entschuldigung“ wären schöne Ornamente auch dort, wo sie den erkennbar lustlosen Mitarbeitern nicht ohnehin von der Corporate Policy abgenötigt werden.

Und man möchte all diese eigentlich selbstverständlichen Dinge einfordern können, ohne wahlweise mit einem reflexartig erhobenen Mittelfinger oder der „Paar aufs Maul“-Drohung konfrontiert zu werden.

Aber das ist keine populäre Sicht in Berlin. Wer der behaupteten Metropole bürgerliche Umgangsformen (eigentlich eine Grundanforderung für menschliches Zusammenleben jenseits des Hühnerstall-Horrors) wünscht, gilt ganz schnell als Nazi.

Die Forderung nach „mehr Toleranz“ höre ich oft. Und wenn es zum Beispiel um das politische Spektrum, alternative life styles und andere Fragen der Selbstbestimmung geht, vertrete ich sie selbst, zuweilen lautstark.

Seinen Dreck im Gehen fallen zu lassen, damit jemand anders ihn entfernen möge, ist aber in Berlin ebenso wenig wie in Kleinposemuckel ein Akt, den ich mit „Hey; eine großartige Gelegenheit, Toleranz zu zeigen!“ begrüßen muss. Es ist einfach nur der totale Empathiemangel eines Zweijährigen, der niemals auf die Privilegien verzichten würde, die seinem Erwachsenenkörper durch den Personalausweis zugebilligt werden. Kurz: asoziales Benehmen im ursprünglichen Wortsinn.

Kurz: Ich würde gerne unter Menschen leben, die die gesamte restliche Bevölkerung des Planeten nicht nur als eine Art diffusen Nebel aus Verkehrshindernissen und potenziellen Spaßbremsen wahrnehmen. Sondern akzeptieren, dass in jedem dieser Millionen Körper ein Mensch steckt, der ganz gerne frei atmen, seiner Wege gehen und keine Angst haben will.

Und ich verstehe nicht, warum vor allem in dieser Stadt eine bemerkenswert mitteilsame Pseudo-Avantgarde es für eine ihrer Hauptaufgaben hält, diese Wünsche bei jeder Gelegenheit der Lächerlichkeit preiszugeben.

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