After the fire: Warum sich die Jugend nicht in der Politik sehen lässt

Wer ändert die Verhältnisse? Am ehesten jene, die wenig zu verlieren und alles zu gewinnen haben; vor allem die eigene Zukunft.

Von einer besseren Welt zu träumen, sollte für junge Menschen eigentlich ein Reflex sein. Jeder zwei Monate alte Tiger faucht wie ein Großer, jeder Achtjährige will zum Mond, (fast) jeder Fünfzehnjährige entdeckt, dass es Sex, Sinnfragen und Machtverhältnisse gibt (Reihenfolge und Priorisierung variieren im Einzelfall geringfügig). Der Verstand erwacht, und eine Stimme im Hinterkopf sagt: ‚Hey, das ist keine gute Welt; zumindest nicht für die Mehrheit der Menschen, die darin leben.‘ Daraus kann dann Einiges folgen – zum Beispiel eine Revolution, die schon nach dem ersten Akt den alten Pharao auf der Trage in den Gerichtssaal schleppt, damit das über Jahrzehnte betrogene und geschundene Volk ihm die Leviten lesen kann.

In einem lesenswerten Alternet-Artikel, den zu übersetzen ich nicht wenig Lust hätte, beschreibt nun der amerikanische Psychologe und Autor Bruce E. Levine, wie es das amerikanische Zweiparteiensystem geschafft hat, das Protest-Gen in der amerikanischen Jugend bemerkenswert effektiv zu unterdrücken – denn dort kämpft eine weitgehend apolitische, desillusionierte Generation vor allem darum, der Gegenwart etwas Sinn und Sicherheit abzuringen, zumal die Zukunft des hoch verschuldeten Landes bereits heute als verbrannte Erde erscheint.

Man könnte sich nun durch die Kernpunkte dieses Artikels arbeiten und versuchen, per Gegenüberstellung herauszufinden, ob das geringe Interesse deutscher Jugendlicher und junger Erwachsener zumindest am traditionellen Politikbetrieb in Deutschland vergleichbare Ursachen hat.

Das wäre ein trauriges Vergnügen.

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„Irgendwas mit Zukunft“: Nicht noch ein Bock im Garten der Demokratie, bitte.

Der Medienunternehmer Konstantin Neven DuMont plant offensichtlich, eine Partei zu gründen. Die Pläne – vermeldet RP Online – seien „sehr ernsthaft“, gleichwohl es noch kein (öffentlich einsehbares) Programm gibt.

(Dass der Unternehmer als Name zunächst „Die Einheitspartei“ zur Debatte stellte, kann man hingegen amüsant, viel sagend oder meta-ironisch finden. Ich erlaube mir da keine Meinung.)

Meine zwei Cent zu diesem und ähnlichen Vorhaben:

Das politische Elend in Deutschland – die Mischung aus Apathie und Zynismus, das Fehlen verbindender Visionen – hat vor allem damit zu tun, dass Parteien als Großorganisationen gerade in Deutschland zu viel Macht haben. Sie entziehen einer Gesellschaft, in der es viel zu tun, zu diskutieren und zu ändern gäbe, immer mehr Substanz, indem sie anders organisierte gesellschaftliche Kräfte der Lächerlichkeit preisgeben oder diskreditieren, finanziell untergraben oder einfach totschweigen.

Parteien saugen Talent und Geld, Bedeutungshoheit und (vor allem in den etablierten Medien) mind share auf – und was im Gegenzug herauskommt, ist allzu oft erbärmlich: wahlweise rhetorische Nebelkerzen zu non issues oder Wohlfühlformeln aus den Presseabteilungen saturierter Golfclubs, die sich – sind sie erst mal im Bundestag angekommen – nicht viel geben oder nehmen. Was dieser vielschichtige Betrieb hasst, ist die in der Wirtschaft zumindest gern beschworene Agilität – also die Fähigkeit, schnell zu handeln, mit begrenzten Ressourcen eine Lösung zu liefern, die im laufenden Betrieb nachgebessert werden kann – und ggf. in die Tonne zu treten, was sich als nutzlos erwiesen hat.

(Der SPIEGEL hatte dazu vor ein paar Jahren einen lesenswerten Artikel, den herauszusuchen ich Ihnen und mir verspreche.)

Aber was sind Parteien auch für bequeme Einrichtungen; ein Ohrensessel ist nichts dagegen! Da macht man als Wähler sein Kreuzchen – und kann dann das Hirn wieder vier Jahre lang abschalten bzw. sich am Frühstückstisch über die selbst gewählten Missstandsverwalter empören. Auch für Menschen, die in der freien Wirtschaft zunächst nicht den angestrebten, gut dotierten Platz finden, bieten sie manches Tätigkeitsfeld. Da gibt es Gremien, Arbeitsgruppen, Hinterzimmer. Man kann mauscheln, intrigieren, an Stühlen sägen und Netzwerke schmieden, die im Sinne der Altersvorsorge gerne auch in die Wirtschaft hineinwuchernn dürfen – für manch einen schließt sich hier der Kreis auf finanziell erfreuliche Weise, wenn der enttäuschte Wähler ihn eines Tages nicht mehr wählen mag.

Kurz: Viel Raum für Dinge, die im Licht der Öffentlichkeit eher unschön aussehen, wenn sie – gelegentlich passiert es ja doch – ans Licht kommen.

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Gefährliche Gedanken, und die Namen dahinter

Hans-Peter Friedrich (CSU) ist Innenminister der Bundesrepublik Deutschland. Wie jeder andere Bundesminister hat er Einiges auf seinem Zettel stehen; darunter die Aufgabe, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden.

Nun hat Herr Friedrich (wie beinahe jeder Innenminister; dieses Amt scheint eine gewisse Sorte Menschen magisch anzuziehen) recht spezifische Vorstellungen davon, wie die Sache mit der Schadensabwendung am besten zu bewerkstelligen sei. Und gelegentlich äußert er diese Vorstellungen auch mal vor einem Mikrofon. Anlass geben ihm in dieser Woche (wenig originell, aber mit hohem Aufmerksamkeitswert bei der eigentlichen Kernzielgruppe am süddeutschen Stammtisch) die Anschläge in Norwegen.

Mit der Anonymität im Internet – so sagt Herr Friedrich dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL – müsse es als Konsequenz dieser Bluttaten nun vorbei sein. Er fragt (und die Frageform soll den aufmerksamen Leser ja zum Nachdenken anregen): „Warum müssen ,Fjordman‘ und andere anonyme Blogger ihre wahre Identität nicht offenbaren?“

Herr Friedrich beklagt sich auch darüber, dass im Internet „jede Menge radikalisierter, undifferenzierter Thesen“ zu finden seien.

(Klare Sache: So etwas kann einem aufrechten Mann, der ein CSU-Parteibuch in der Tasche und die Sonne im Herzen trägt, nicht gefallen.)

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Die ZEIT iOS App: Aufgeräumt, flink, unbrauchbar.

Ich hege große Sympathien für die ZEIT und für ZEIT Online. Die ZEIT ist eine erwachsene Zeitung; sie biedert sich weit seltener bei leicht zu beeindruckenden Zielgruppen an als die Konkurrenz; sie hat einen aufgeräumten Webauftritt mit guter Funktionalität und Usability.

Und das Wichtigste: Anders als bei den anderen deutschen Nachrichtenportalen lässt man dort ausgesprochen selten Praktikanten und Redakteure aus der zweiten Reihe verquaste, schlecht recherchierte Filler publizieren.

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die ZEIT das Internet ernst nimmt; zumindest mehr als ein Großteil der Konkurrenz. Und sie hat – wie es sich im frühen 21. Jahrhundert gehört – eine iOS App. Was läge also für den praktizierenden, ZEIT-lesenden iPad-Fan näher, als diese App (beziehungsweise die damit erschließbaren Inhalte) zu kaufen?

Vieles.

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I lived by the Rivva.

Frank Westphal hat das bemerkenswerte Aggregator-Projekt Rivva eingestellt. Ein lesenswertes Portrait des Entwicklers findet sich bei Carta; ein Artikel von Christiane Schulzki-Haddouti im Kulturkampf-Blog der ZEIT würdigt das Projekt und verweist auf die (wenigen) Alternativen.

Die SZ nennt in ihrem Beitrag einen anderen USP von Rivva: War ein Thema hier erst einmal auf dem Radar, stiegen oft andere Blogger in die Diskussion ein, was spannende Themen noch sichtbarer machte. Eine glückliche Hand beim Austarieren von Algorithmus und Bauchgefühl sorgte hier dafür, dass Debatten nicht nur abgebildet, sondern oft erst interessant wurden, wenn die richtigen Leute in der richtigen Stimmung an den virtuellen Kiosk kamen.

Nun würde es in mein derzeitiges (Stimmungs-)Bild deutscher Netzträgheit passen, wenn sich die Schuld für das Versiegen des Info-Rivva Verlagen und Werbetreibenden in die Schuhe schieben ließe. Hierfür wäre es allerdings erforderlich, von Rivva-Entwickler Westphal zu erfahren, ob und wie eine Monetarisierung (scheußliches Wort, aber natürlich geht’s darum) des Dienstes jemals ernsthaft verfolgt wurde. Wenn es „nur“ ein hochambitioniertes Hobby-Projekt war, kann man sich vorstellen, dass ein Einzelner (wie groß sein handwerkliches Talent auch sein mag) die Last irgendwann nicht mehr schultern konnte oder mochte.

So oder so: Sehr schade. Das war Flipboard ohne iPad, Techmeme ohne Nerd-Obessionen – und vieles mehr.

Es bleibt zu hoffen, dass Frank Westphal (nach verdienter Atempause) mit der Arbeit an einem noch interessanteren Projekt beginnen wird. Im von Nachahmern dominierten .de-Web sind derart ambitionierte Köpfe einfach zu kostbar, als dass man sie ziehen lassen wollte.

Bis dahin: Vielen Dank, Frank.

Tron 1.001: You can’t get there from here.

Ich sollte mein erstes deutschsprachiges Blog seit vielen Jahren vielleicht nicht unbedingt mit einem Verriss eröffnen. Aber ich kann nicht anders: Auch Zorn braucht Luft, und Enttäuschung sowieso.

Natürlich: Ich wollte sehr viel von Tron: Legacy. Selbst in dem Moment, wo man sich ironische Distanz verspricht, hüpft ja der innere Fünfzehnjährige doch voller Vorfreude auf seinem Sessel auf und ab wie ein Koffein-Flummi.

Aber zwei Stunden später bleibt leider nur ein flauer Nachgeschmack – so, als hätte jemand Sushi aufgewärmt, was ja nun aus mehreren Gründen keine gute Idee ist.

Ich habe heute Abend viele Versatzstücke aus 30 Jahren Science-Fiction-Kino gesehen und diese auch brav auf meiner inneren Filmnerd-Liste abgehakt. Man will seine schlechte Laune ja später klug unterpolstern können.

Aber da war keine Linie, der zu folgen sich gelohnt hätte, kein Twist, der einem den Kopf um 360° verdrehte, kein einziger „Wow!“-Moment.

Warum nicht?

Erstens sind wir älteren Voll- und Halbnerds nicht mehr minderjährig (und entsprechend schwerer zu beeindrucken), zweitens sind viele Jahre Film- und CGI-Geschichte vorbeigegangen. Da hätte man nicht nur „patchen“, sondern ästhetisch und konzeptionell upgraden müssen. Was eben nicht geschehen ist.

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